Münster. Gerade lief der letzte Käfer nach 70 Jahren in Mexiko vom Band. Aber für Jürgen Prasse rollt er immer weiter. Seit 30 Jahren hegt und pflegt der Münsteraner Physiker seinen gelben Käfer, von dem Loriot bekanntlich mal in einer Karikatur behauptet hat, er wäre die Fortführung der menschlichen Embryonal-Stellung als Maschine.
Und jetzt will Prasse noch mit seinem VW-Käfer zum Nordkap, über Finnland, im Februar. Verrückt? Am 3. Februar starten Dietlind Wegmann und Jürgen Prasse mit dem gelben Dauerrenner in Münster. Von hier geht es nach Rostock, mit der Fähre nach Helsinki, weiter mit dem Autoreisezug nach Oulu. In Oulu trifft man sich mit finnischen Freunden, die die weitere Tour organisiert haben.
Von hier geht es auf eigener Achse durch Finnland, über Rovaniemi, Saariselkä, Inari nach Karigasniemi. Weiter geht es in Norwegen nach Skarsvag. Von Skarsvag geht es ans Nordkap. Danach wird über Alta zurück nach Finnland gefahren.
Hier geht es über Enontekiö, Aavasaksa bis nach Oulu. Fahrstrecke von Oulu nach Oulu 1780 Kilometer. Danach wollen die Käfer-Fahrer zurück mit Autoreisezug und Fähre nach Rostock und auf eigener Achse nach Münster juckeln.
Der gelbe VW-Käfer, mit dem die Tour gefahren wird ist Baujahr 1973 und hat im Herbst 2003 vom TÜV sein H-Kennzeichen erhalten. H - das bedeutet: historisches Fahrzeug. Der Wagen wird von Mitgliedern des VW-Veteranenclub Münster auf seine lange Tour vorbereitet. Erst vor kurzem ist er komplett auseinander montiert und gründlich saniert worden. Und er läuft und läuft und läuft...
WN vom 05.01.2004
Prasse ist Mitglied im VW-Veteranenclub Münster e.V. Bei den monatlichen Stammtischen tauchte eines Tages Dietlind Wegmann auf. Sie ist ein absoluter Käfer-Fan, besitzt aber zu ihrem Bedauern kein eigenes Exemplar. Also stellte sie ihre Idee dem VW-Club vor.
Doch bis nach Finnland ist es noch ein weiter Weg. Die Rückbank ist bereits ausgebaut, damit mehr Stauraum für das Gepäck vorhanden ist. Thermo-Schlafsäcke sind ein Muss. "Für den Fall, dass wir doch mal liegen bleiben", erklärt Prasse. "Tja, und so toll ist die Heizung ja auch nicht, das wird bestimmt ziemlich kalt", stöhnt Wegmann ein wenig. Jedenfalls kann das gute Schätzchen nicht einfrieren - der Käfer wird ja ohne Kühlwasser betrieben. Ob das normale Öl jedoch ausreicht, wissen die beiden nicht so genau: "Wir könnten immer noch mehr Sicherheitsvorkehrungen treffen, aber so dürfte es wohl klappen." Zur Sicherheit wird in den nächsten Tagen noch eine Sitzheizung eingebaut. Für den Notfall ist das Handy immer dabei, und auch eine Notration an Nahrungsmitteln sowie Ersatzbatterien werden mit an Bord sein. Und in Helsinki werden dann die richtigen Winterreifen mit Spikes aufgezogen. "Die gibt es nämlich in Deutschland nicht, bis dahin müssen wir es so schaffen" erklärt Wegmann. "Ohne Kontakte und die Hilfe des VW-Clubs wäre das alles gar nicht möglich gewesen."
Mz vom 03.02.2004 Witte
Hetzen wollen Dietlind Wegmann und Jürgen Prasse auf ihrer Reise nicht. Warum sollten sie auch, schließlich treffen sie unterwegs nicht nur andere Käfer-Liebhaber, sondern auch die Mitglieder eines Enten-(2 CV)Clubs, mit denen, sich so manches anregende Schwätzchen halten lässt.
Gestern sollte die Fahrt die beiden Reisenden bis nach Rostock führen. Von dort geht es heute mit der Fähre weiter nach Helsinki; dann darf der Wagen sich auf dem Autoreisezug bis Oulu ausruhen.
Dort treffen Wegmann und Prasse finnische Freunde, die die Tour organisiert haben. Rund 850 Kilometer muss der betagte Wagen dann erst einmal auf eigenen Reifen bis zum Nordkap zurücklegen.
Insgesamt, so Jürgen Prasse, ist die Strecke von Oulu bis zum Nordkap und zurück nach Oulu rund 1800 Kilometer lang. Von diesem Ort geht es schließlich per Reisezug und Fähre wieder zurück nach Rostock dann über deutsche Straßen nach Münster.
Verabschiedet wurden die beiden Reisenden gestern von den Mitgliedern des VW-Veteranenclubs - bei typisch münsterischem Meimelwetter.
WN vom 03.02.2004
"Die Fahrt mit der Fähre hat Spaß gemacht. Bei der Ankunft in Hanko mussten wir allerdings eineinhalb Stunden warten, um die Fähre verlassen zu können. Um 19 Uhr waren wir an der Tankstelle wo unsere Spikereifen warteten. Die Reifen waren in nur zehn Minuten gewechselt. Dann ging es weiter nach Helsinki ins Hotel. 127 Kilometer waren bis dorthin zuruckgelegt worden." Die Temperaturen schwankten während der Fahrt erheblich:, Hanko plus zwei Grad, Oulu minus drei Grad, Ivalo minus 13 Grad und Tromsö minus ein Grad.
Am 5. Februar ging es dann mit dem Autoreisezug um 18.30 Uhr weiter. So hatten wir Zeit, uns von unserem finnischen Bekannten Ilkka Helsinki zeigen zu lassen.
Auf dem Weg nach Ivalo wurden wir mit Temperaturen von minus 23 Grad konfrontiert. Von dem Zeitpunkt an ging am Wagen alles sehr viel schwerer (Türen, Schlösser, Schaltung etc.) Sind ein Stück über den zugefrorenen Inari See gefahren. 28 Grad Minus herrlicher Sonnenschein und jede Menge Pulverschnee auf dem See. Ein sehr schöner Tag. Im Käfer wird es nur null Grad "warm", abschließen lässt er sich auch nicht mehr, die Schlösser sitzen fest. Schlimmer war jedoch, dass unser Käfer und ein mitfahrender Bulli große mengen Öl verloren haben. Den Ölverlust konnten wir alleine nicht beheben. Bei Minus 30 Grad machte die Schrauberei auch keinen Spaß mehr. Auf dem See haben wir ein kleines Autorennen gefahren. Mehr als zweiter Gang und 40 km/h waren aber nicht drin, sonst flog man aus der Kurve in den Tiefschnee.
Am 8. Februar sind wir mit dem Käfer in die Werkstatt gefahren: Eine Ölleitung war zugefroren, danach war der Ölverlust gestoppt.
9. Februar: Wir sind nur noch zehn Kilometer vom Nordkap entfernt. Als wir über den Gebirgskamm gefahren sind, ist es schlagartig zehn Grad wärmer geworden. Dadurch hat sich die Luftfeuchtigkeit genauso schnell als Eis auf den Autos niedergeschlagen. Wir mussten erstmal stehen bleiben und Eis kratzen.
11. Februar: Seit zwei Tagen Schneesturm, wir sind trotzdem heute morgen gestartet, sitzen aber jetzt fest, eine Lawine hat 1 km vor uns die Straße verschüttet: Road closed! - Die Straße blieb gesperrt und wir mussten umkehren. 60 km pro Weg, insgesamt sieben Stunden im Käfer bei Extremschneesturm, wir haben ganz schön Nerven gelassen, sitzen.jetzt in Honnigsvag fest.
Weil niemand die Straße Richtung Süden passieren konnte, sind alle Betten im Ort belegt, sind jetzt in der Baptistenkirche Nordkap untergekommen und haben eine Spende von unserem Käferclub zusagen müssen! Die ganze Gruppe sitzt in der Kirche und singt. Jeder Teilnehmer muss ein Lied aus. seiner Heimat singen. Die Stimmung ist gut.
MZ vom 13.02.2004
"Wir waren richtig gut: Sind wieder im Süden richtig: haben den Polarkreis überschritten. Unser Käfer macht alles mit, aber vieles müssen wir täglich kontrollieren und Hand anlegen: Ein Reifen braucht ewig Luft, und ein Außenspiegel hat sich gelockert", notiert Jürgen Prasse am 14. Februar in sein Tagebuch. Nach rund 1500 Kilometer Eispiste wundert es ihn nicht, aber: "Dank unseres guten Werkzeugkastens und moderater Temperaturen um minus acht Grad kein Problem", behauptet der Reisende.
Schon einen Tag später vermut er seinem Tagebuch ein frohes Ereignis an: "Wir sind so gut im Zeitplan, dass wir uns einen Tag Pause leisten können. Bezogen eine Traumhütte mit Kamin und Sauna und wandern bei minus drei Grad und Sonne durch wunderbaren Winterwald."
Bei der Wahl ihrer Unterkünfte setzten die Käfer-Touristen auf Abwechslung. Der Hütte mit Kamin folgte das bekannte Eishotel in Kemi (http://www.snowcastle.net). "Grandios und einzigartig" sei es gewesen, im Schlafzimmer mit "molligen fünf Grad minus zu nächtigen." In diesem Hotel ist alles aus Eis: Tische, Stühle, Bänke und natürlich auch die Betten. "Auf dem Eis lagen Rentierfelle und dann unsere Schlafsäcke. Beim Abendessen mussten wir uns beeilen, damit das Essen nicht kalt wird: die Teller standen je auf Tischen aus Eis", berichtet Jürgen Prasse.
Am Samstag (21. Februar) erwarten die Freunde vom VW-Veteranenclub Dietlind Wegmann und Jürgen Prasse zurück. Ab 15 Uhr findet in der Gaststätte Homann an der Wolbecker Straße eine Begrüßungsfeier für die Nordkap-Fahrer statt. Die Veranstalter rechnen mit dem Eintreffen der beiden gegen 16 Uhr
WN vom 19.02.2004
Allseits bekannt ist, dass dieser Fahrzeugtyp sich vor allem durch eine herausragende Eigenschaft auszeichnet: Er läuft und läuft... Vielleicht sollte man hinzufügen: Es gibt nichts, was er nicht kann.
Eindrucksvoll unter Beweis stellen konnten dies die beiden Abenteurer mit ihrer diesjährigen Tour bis an den, nördlichsten Rand Europas.
Zusammen mit finnischen Käfer Freunden - insgesamt waren es neun Volkswagen führten die beiden Münsteraner vom 2. bis zum 21. Februar nicht nur ihre Fahrzeuge bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Während die Kälte Jürgen Prasses Gesicht sowie auch seine Hände deutlich gezeichnet hat, blieb der motorisierte Freund weitgehend unbeschadet. "Einige Dichtungen mussten ausgewechselt werden aber das war eigentlich alles", resümiert Prasse.
So einfach sich die zurückgelegte Strecke auf der Karte mit dem Finger auch nachzeichnen lässt, es sei nicht immer ein Spaß, sich auf den Straßen Finnlands und Norwegens zu bewegen. "In Schneestürmen", erklärt Dietlind Wegmann "hofft man einfach, dass man sich noch auf der Straße befindet."
Für die Beschwerlichkeiten während der Fahrt wurden die zwei Münsteraner während ihrer Zwischenstopps jedoch reichhaltig entschädigt. "Hatten Traumhütte mit Kamin und Sauna. Waren wandern in wunderbarem Winterwald", übermittelten sie den daheim Gebliebenen per Kurznachricht etwa am 15. Februar.
Pläne für ein weiteres großes Abenteuer gibt es derzeit noch nicht. Der Käfer wird sich dennoch nicht über einen Sommer in der Garage freuen können. Schon in wenigen, Monaten wird er wieder im Mittelpunkt des Interesses stehen. Im Sommer soll es nach Mecklenburg gehen. MZ vom 23.02.2004 RHE